1.12.1945
Heute ist keine Schule. Vormittags Sprit bei Schüßlers destilliert. Am Nachmittag
Sachen von Schneevoigts geholt.
2.12.1945
Nachmittags elektrische Lampen repariert.
3.12.1945
F.z.S. Nachmittags Stroh und Getreide geholt. Gegen Abend die Aquarien wieder
nach Hause geholt. Morge soll ich in Körhen schöne Zierfische erhalten.
4.12.1945
F.z.S. Fische gekauft. Sie fühlen sich scheinbar recht wohl.
5.12.1945
F.z.S.
6.12.1945
F.z.S. Es scheint eine kalte Zeit zu kommen. Der Barometer geht sehr hoch.
7.12.1945
F.z.S. Der Stundenplan wird immer kürzer. Mit dem Zuge nach Osternienburg gefahren.
Papa im Werk besucht. Seit heute Morgen fällt das Thermometer unaufhörlich. Zu
Mittag herrschten bereits -6°C. Nachmittags für Frau BehringerSprit destilliert.
8.12.1945
6 Uhr: Temperatur -12°C. F.z.S. Nach der driten Unterrichtsstunde Kältefrei
bekommen. Mit dem Zuge nach Osternienburg gefahren. Im Abteil 2cm hoch Schnee;
kein Fenster drin; das sind die Normalzustände der Eisenbahn im "4.Reich". Dazu
zwei bis drei Stunden Verspätung. Wenn diese Zustände im vorigen Jahr Jahr
geherrscht hätten, so wäre es zu entschuldigen gewesen, aber das es heute so
ist, das zeugt nur von der Unfähigkeit der jetzigen Beamten. Das dieser Winter
katastrophal wird, ist ja einem jeden klar. Den Anti-Anti-Menschen wünsche ich
30° Kälte an den Hals. Und dann keine Kohlen. Vielleicht sehen sie dann ein,
daß man es bei den Nazis doch tausendmal besser gehabt haben. Manchmal freue
ich mich direkt auf Weihnachten und den Winter. Aber so wie ich meine Gedanken
ein Jahr zurückschweifen lasse verfinstert sich meine Gedankenwelt. Was haben
wir nicht für schöne Weihnachtsfeiern mit der H.J. gemacht; und vor einigen
Tagen las ich, daß die deutsche Jugend nach zwölf Jahren zum erstenmal
wieder ein Weihnachtsfest erleben soll. Man höre und staune. Seit heute Morgen
schneut es tüchtig. Gegen 21 Uhr auf Schlitten den Destillierapparar zu
Eiternicks gebracht.
9.12.1945
Vormittags bei Eiternicks Sprit destilliert und 18 Liter neue Maische
angesetzt. Am 17. will ich mit Willi von Früh bis zum Abend die ganze
Maische weg haben. Dann haben wir genug zur Silberhochzeit.
10.12.1945
F.z.S. Eine Saukälte in der Klasse. Wir können wieder nach Hause. Um
nicht bis um 2 Uhr warten zu müssen wollte ich nach Aken laufen. Es
schlossen sich mir noch mehrere Schüler aus Aken an und als wir kurz
vor Porst waren haben wir inen Panjewagen der G.P.U. angehalten und sind
so schnell nach Hause gekommen. Nachmittags auf dem Magdalenenteich
Schlittschuh gelaufen.
11.12.1945
Früh Schlittschuh gelaufen. Aus Kohlenmangel ist keine Schule. Die Kälte
läßt nach. Der Winter scheint sich erst angemeldet zu haben. Gegen Abend
zu Tante Schmidt gegangen. Der Sprit gärt wie toll. Gestern ist er aus der
Röhre herausgekommen. Abends mit Herbert ins Kino gegangen. "Ich vertraue
dir meine Frau an." Mit Heinz Rühmann. In diesen zwei Stunden war ich direkt
mal wieder froh. Man hat darübr ganz die trostlose Zeit vergessen.
12.12.1945
Vormittags Schlittschuhlaufen gewesen.
13.12.1945
Es herrscht Tauwetter. Vormittags mit Bernhard in der Stadt gewesen.
14.12.1945
Vormittags in die Stadt gegangen. Ich soll nämlich bei Gelegenheit mal zu
Tante Naumann kommen. Bei ihr stehen schon lange Zeit chemische Geräte
unbenutzt herum. Fast alles kann ich gebrauchen. Ich weiß nur noch nicht
wie ich sie ohne Schaden nach Hause bringen kann.
15.12.1945
In die ehemaligen Räume der N.S.V. ziehen heute "feine Leute". Größeres
Gesindel konnte man allem Abschein nach nicht mehr finden. Natürlich mit
roten Bändchen im Knopfloch. Nachmittags alles was nicht Niet- und
Nagelfest ist von unserem Eigentum in Sicherheit gebracht.
16.12.1945
Aus Langeweile allerlei kleine Arbeiten verrichtet. Am meisten merke ich
Sonntags den Verlust meiner Kameraden.
17.12.1945
Von 8 bis 20 Uhr den ganzen Ballon mit Zuckermaische destilliert.
18.12.1945
Früh in der Schule gewesen. Gegen Mittag zwei Ballons mit Zuckermaische
angesetzt. Einen für uns, und einen für Tante Naumann; als Gegenleistung
dafür, daß ich die chemischen Instrumente erhalte.
19.12.1945
Vormittags Likör zurecht
gemacht. Gegen Abend bei Eiternicks dasselbe getan. Nun kann der Tag der
Silberhochzeit ruhig kommen. Schnaps ist genug da.
20.12.1945
Nachmittags den Destillierapparat nach Hause geholt.
21.12.1945
Nachmittags Most von Schneevoigts geholt.
22.12.1945
Vormittags zum Ernährungsamt gegangen und die Antragsbögen zwecks
Genehmigung einer Hausschlachtung eingereicht. Anschließend die
chemischen Apparate von Naumanns geholt. Ein großer Waschkorb voll.
Nachmittags selbige in mein Laboratorium eingeräumt. Alles stand Kopf.
Aber jetzt herrscht "militärische" Ordnung.
23.12.1945
Vormittags mit Papa 65 Zentner Brikett in die Kelleräume geschippt.
24.12.1945
Nachmittags den Weihnachtsbaum angeputzt. Mich hat diesjahr der
Weihnachtsmann vergessen. "Friedensweihnachten 1945". Aber weiß Gott,
die Kriegsweihnachten waren doch noch besser. Abends bei Tante Eiternick
zur Silberhochzeit gewesen. Ende: 3 Uhr. Wir haben ein paar fröhliche
Stunden verlebt. Und att gegesen habe ich mich auch.
25.12.1945
1. Weihnachtstag
Früh meinen Rausch ausgeschlafen. Gegen Mittag in der Stadt gewesen.
Nachmittags auf der Adolf-Hitler-Straße herumgebummelt. Abend bei
Schneevoigts gewesen.
26.12.1945
2. Weihnachtstag
Von 7 bis 20 Uhr die zwei Ballons mit Maische destilliert.
27.12.1945
Zu Hause kleine Arbeiten verrichtet. Abends ins Kino gegangen. Es wurde
ein russischer Film gezeigt. Aber man hat es auch gemerkt. Ohne Sinn und
Verstand. Schade um mein schönes Eintrittsgeld. Aber man hat einen
Einblick in die russische "Kultur" bekommen.
28.12.1945
Vormittags im Keller Kohlen geschichtet.
29.12.1945
Nachmittags Schlachtevorbereitungen getroffen.
30.12.1945
Nachmittags Schlachtezeug geholt. Gegen Abend Naumann's Sprit hingebracht.
31.12.1945
Schlachtefest. Heute geht nun ein Jahr zu Ende. Ein Jahr, das uns den
sogenannten "Frieden" gebracht hat, und trotzdem starben tausende und
wurden hunderttausende arbeitslos. Aber der Wiederaufbau geht mit
"Riesenschritten" vorwärts. So liest man es täglich in allen
demokratischen Zeitungen. Und dabei treiben wir immer tiefer in den
Abgrund hinein. Abends mit Gerhard und Eberhard ins Kino. Anschließend
einen Bummel durch die Stadt gemacht. Das Leben in den Sälen ekelt
einen direkt an. Bei uns gefeiert bis 3 Uhr. Die Stimmung war ganz
gut, aber wenn wir an die vorige Jahreswende dachten, so kam uns doch
ein bitteres Gefühl auf.