1.1.1946
Neujahr

Vormittags Wurst zum Räuchern weggebracht. Gegen Abend bei Schneevoigts
gewesen. Die Parteien erlassen prahlende Neujahrsaufrufe zum Jahreswechsel.
Jeder Aufruf beginnt: "Durch den verbrecherischen Nazi-Krieg" usw. Dann
werden große Programme aufgestellt, es wird vom Wiederufbau trompetet und der
Neuerrichtung des deutschen Staates.

2.1.1946

Nachmittags Büchsen zu machen lassen.

3.1.1946

Früh nach Köthen gefahren. Aus Kphlenmangel fällt die Schule aus. Mit einem
Lastauto nach Hause gefahren. Gegen Abend am Eis herumgestromert. Seit eingen
Tagen friert es etwas.

4.1.1946

Sprit destilliert. Gegen Abend mit Inge spazieren gegangen. Abends bei Tante
Lisbeth Maische angesetzt.

5.1.1945

Vormittags Schlittschuh gelaufen. Abends für unseren Fleischer, Herrn Hölzke,
Spritmaische angesetzt.

6.1.1946

Vormittags Wurst geholt.

7.1.1946

Früh nach Köthen gefahren. Immer noch keine Kohlen. Ein wahrhaft katastrophaler
Zustand. Bis Osternienburg mit einer Zugmaschine mitgefahren. Von dort gelaufen.
Gegen Mittag mit Gerhard in der Stadt gewesen. Wir beabsichtigen eine Telefonleitung
zwischen Gerhard, Fritz auf der Post und mir zu legen. Nachmittags zum Geburtstag
bei Tante Schneevoigt gewesen. Von Max eine Menge chemischer Geräte und Chemikalien
gekauft.

8.1.1946

Früh mit Frau Behringer Kartoffeln umgetauscht. Während meiner Abwesenheit war ein
Polizist bei uns und hat nach Ernst Bischoff gefragt. In der Annahme, daß man mich
verhaften wollte, bin ich nach Osternienburg gelaufen. Bald aber hat sich die Sache
herausgestellt. Er hat nach Onkel Ernst's eerben gefragt, wegen einer Waldbodenerhebung.
Aber Vorsicht ist besser als Nachsicht.

9.1.1946

Gegen Mittag Schlittschuhlaufen gewesen. Nachmittags für Annelieses Geburtstag Sprit
angesetzt. Gegen Abend mit Gerhard die Anlage der Telefonleitung besprochen.

10.1.1945

Vormittags den Hausanschluß für unsere Feldtelefonleitung gelegt. Den Draht dazu haben
wir einer Russenleitung entnommen, nebenbeigesagt: ein Dienst fürs Vaterland. Nachmittags
die Freileitung gebaut bis Harmuths Garten. Am Abend hat Papa Krach deswegen gemacht.
Aber nun ist es schon zu spät. Abreißen tun wir sie nicht wieder.

11.1.1946

Vormittags aus dem Garten Russendreck rausgeräumt. Von 2 Uhr ab die Feldtelefonleitung
weitergebaut. Bis zu Fritz. Der hat eine kleine Vermittlung und ich kann auch Gerhard
anrufen. Der Anschluß klappt.

12.1.1945

In der Nacht tobte ein heftiger Sturm. Unsere Leitung mußte darunter leiden. Früh bei
Liesbeth Sprit destilliert. Abends die Leitung fast neu gelegt. Es fehlt nur noch eine
Überbrückung über die Straße. Das erste Mal haben wir von Lisbeths Garten bis zu Fritz
ganz dünnen Draht genommen. Heute haben wir von dort an 0,85mm Draht genommen.

13.1.1946

Früh für Herrn Hölzke den Sprit destilliert. Gegen Abend mit Inge ins Kino gegangen.
"Der grüne Salon". Anschließend noch etwas spazieren gegangen.

14.1.1946

Nachmittags zur Schule gefahren. Morgen geht es nun endlich los. Einen Bummel durch die
Stadt gemacht. Verschiedene chemische Geräte gekauft. Abends für mich Maische angesetzt.

15.1.1946

F.z.S. Einen Bunsenbrenner etc. gekauft. Es scheint kalt zu werden. Das Barometer
steigt unaufhörlich.

16.1.1946

F.z.S. Nachmittags Telefonleitung wiederhergestellt. Verbindung klappt ausgezeichnet.
Temperatur 19 Uhr: -6°C

17.1.1946

6 Uhr: -10°C F.z.S. Nachmittags für Anneliese den Sprit destilliert.

18.1.1946

8 Uhr: -8°C Heute ist keine Schule. Früh Schlittschuhgelaufen. Nachmittags den
Feldtelefondraht über unserem Hof wieder richtig befestigt. Er war durch den Sturm in
der Nacht vom Sonnabend zum Sonntag herabgerissen. Anschließend mit Inge zum
Schlittschuhlaufen gegangen.

19.1.1946

Vormittags Speck zum Räuchern gebracht. Am Nachmittag Schlittschuh gelaufen.

20.1.1946

Früh bei Herrn Todte Sprit destilliert. Nachmittags mit Inge ins Kino gegangen.
"Der Luftfuhrmann."

21.1.1946

F.z.S. Nachmittags zum Schlittschuhlaufen gegangen.

22.1.1946

F.z.S. Nachmittags auf dem Eise gewesen. Ein Stück eingebrochen.

23.1.1946

Nicht zur Schule gefahren. Meinen Sprit destilliert. Wir müssen jetzt in der Schule
einen Aufsatz über den Nürnberger Prozeß schreiben. Seit mehreren Tagen sind bei uns
viele Straßen umgetauft. Der Bismarckplatz -> "Ernst-Thälmann-Platz", der
Horst-Wessel-Platz -> Karl-Marx-Platz, der Nicolaiplatz -> Bebelplatz, die
Kaiserstraße -> Otto-Dießner-Straße, die Ritterstraße -> Karl-Falkenberg-Straße.
Oh armes Deutschland!

24.1.1946

Heute fällt die Schule wegen einer Pestallozifeier aus. Nachmittags Schlittschuhlaufen gewesen. Für mich 4 Pfund und für Naumanns 2 Pfund
Zuckermaische angesetzt. In der Nacht von Sonnabend zum Sonntag will ich
destillieren.

25.1.1946

Temperatur 8 Uhr: -10°C Vormittags einen Nebenanschluß der Feldtelefonleitung ins
Labor gelegt. Der Anschluß klappt. Nachmittags Schlittschuh gelaufen.

26.1.1946

Vormittags in der Stadt besorgt. Nachmittags auf dem Eis herumgestrolcht.

27.1.1946

Nachmittags mit Inge ins Kino. "Tanz mit dem Kaiser."

28.1.1946

F.z.S. Gegen Abend mit meinem früheren Fähnleinführer Willi Krone, auf der
Adolf-Hitler-Straße gewesen. Trotz 19wöchiger Haft der G.P.U. in Coswig konnten sie
ihm seine Gesinnung nicht nehmen.

29.1.1946

F.z.S. Es taut.

30.1.1946

F.z.S. Wir haben am Tage nur drei 40-Minuten Stunden. Die übrige Zeit liegen wir
tatenlos in Köthen herum. Heute vor 13 Jahren! Nicht ein Kommentar dazu in allen
Zeitungen.

31.1.1946

F.z.S. Wenn man in die Zeitungen sieht, so liest man fast in jeder Zeitung, daß eine
Fabrik nach der anderen den Betrieb wiederaufgenommen hat und auf volle Touren läuft.
Wenn man dann in Wirklichkeit einmal hinsieht, dann muß man feststellen, daß bei all dem
großen Klamauk gerade so die Löhne herausgeschlagen werden.