1.3.1946

Heute fahre ich nicht zur Schule. Wir haben jetzt ein Fach, das heißt
"Gegenwartskunde". Alles andere kann man sich denken.

2.3.1946

Vormittags vom Lorf Tannengrün zu Opas Geburtstag geholt. Gegen Abend unsere
Telefonleitung repariert.

3.3.1946

Überflüssige elektrische Leitungen abgebaut.

4.3.1946

F.z.S.

5.3.1946

F.z.S. Nachmittags die Leitung unseres Telefons mit 0,4 mm Draht zum Teil neu
gezogen. Ich bauche nämlich den isolierten Draht für elektrische Leitungen
zu bauen. Außerdem fällt der dünne auch nicht so ins Auge.

6.3.1946

Früh in Osternienburg das Labor der Solvay-Werke besichtigt.

7.3.1946

F.z.S. Heute Abend ist es ein Jahr her, daß Dessau den Großangriff erlebt hat.
Es war schlimm. Wir saßen zu der gleichen Zeit auf der Luftschutzbefehlsstelle
in Aken. Als wir dann aus dem Keller kamenwar der Himmel im Osten blutrot
gefärbt. Zuerst dachte kein Mensch daran, daß Dessau so zerstört wäre. Und doch
war diese Zeit, so schwer der Krieg auch sein mochte, viel besser als die jetztige.
Um eine Alleinmacht der marxistischen Partei zu verhindern, sind alle deutsch
denkenden Menschen, auch die nationalsozialistischen Anhänger, zwangsläufig dazu
gezwungen, die Liberal Demokratische Partei mit allen Mitteln zu unterstützen.
Wenn dies auch dem Namen nach eine Antifa-Partei ist, so ist sie doch im Falle
einer Reaktion, und diese wird über kurz oder lang kommen, sehr leicht zu
überzeugen. Ist es doch eine bürgerliche Partei und die Reaktion wird ja zum
größten Teil Sache der Bürger sein. Der frühere englische Premierminister W.
Churchill und jetziger Führer der Oppositionspartei in England hielt gestern
eine Rede in der die gesamte zivilisierte Welt vor dem Bolschewismus warnte.
"Wir haben den falschen Feind besiegt", sagte er. Er richtete dann einen
Appell an das britische und amerikanische Volk und forderte ein
Militärbündnis zwischen den beiden Staaten. Auch riet er dringend davon
ab, das Geheimnis der Atombombe der UNO preiszugeben. Die Kommunisten
und die spanische Exilregierung führen augenblicklich einen wüsten
Hetzfeldzug gegen Franco-Spanien. Immer wieder wenden sie sich an England
und Amerika, daß diese Staaten die Beziehungen mit dieser "Faschistischen
Hochburg" abbrechen sollen. Aber denen ist der Bolschewismus viel gefährlicher
jetzt als der Faschismus.

8.3.1946

Früh bei Lisbeth eine Steckdose gelegt. Seit heute Nachmittag wird der Strom,
den ich im Labor verbrauche, nicht mehr gezählt. Den Plus-Pol nehme ich vom
Zähler der unteren Etage und den Minus-Pol Tscherschenskys Zähler. Wir dürfen
nämlich voraussichtlich auf Befehl von Blechbauchsoldaten Shukow nur pro Tag
noch 500 Watt verbrauchen. Damit die Russen immer noch mehr verschwenden
können. Ich werde ihnen was husten!! Abends mit Herbert und Fritz ins Theater
1.Reihe ohne Geld gegangen. "Eva im Abendkleid", eine Lustspieloperette von
Nico Bostal.

9.3.1946

Nachmittags in Köthen ins Kino. "Das indische Grabmal".

10.3.1946

Die I.G.Farben werden abgebaut. Dazu kommen ca. 2500 Russen her. Viele
Familien werden wieder auf die Straße gesetzt. Wir haben auch zwei Zimmer
leer machen müssen. Voraussichtlich bis zum 15.5.1946. Unsere Leitung über
die Straße ist von einem Holztransport zerrissen.

11.3.1946

Nicht zur Schule gefahren.

12.3.1946

F.z.S. Ganz Aken wimmelt wie in einem Bienenkorb. Tag und Nacht müssen
deutsche Arbeiter und Frauen auf der I.G. unter russischen Bajonetten
abbauen.

13.3.1946

F.z.S. Gegen Abend unsere Straßenüberführung neu gelegt.

14.3.1946

F.z.S. In ganz Mitteldeutschland wird abgebaut. Junkers, I.G. usw. Allein in
Leipzig 60 Fabriken. Es muß irgendetwas in der Luft liegen. Die kommunistischen
Zeitungen und Sender bringen eine Flutwelle von Entrüstungen über Churchill
heran.

15.3.1946

F.z.S. Heute habe ich Gasanschluß für meine chemischen Experimente erhalten.

16.3.1946

Früh chemische Experimente gemacht. Nachmittags ins Kino gegangen. "Schicksal
am Strom." Abends mit Gerhard, Fritz und Herbert Geburtstag gefeiert. Mein
voriger Geburtstag war doch bestimmt besser. Gegen 12 Uhr mußten wir den Laden
schließen, weil sich alles anfing zu drehen.

17.3.1946

Vormittags mit Gerhard chemiche Experimente gemacht.

18.3.1946

F.z.S. Nachmittags eine Radioleitung ins Labor gelegt.

19.3.1946

F.z.S. Nachmittags eine Lichtleitung am Hause entlang vom Labor zur Küche gelegt,
um Strom zum Bügeln, Destillieren usw. außer der Sperrmaßnahmen zu haben. Abends
mit Inge spazieren gegangen.

20.3.1946

Nachmittags nach Trebbichau mit dem Rade gefahren. In den dort stehenden
Dynamomaschinen der Luftwaffe liegt für mich sehr viel brauchbarer Draht herum.
0,4 mm vor allem für unsere Leitungen. Ich habe mir zwei Spulen dünnen eine
Spule dicken Kupferdraht herausgeholt. Aber geschwitzt habe ich wie ein Kuli.

21.3.1946

F.z.S. Nachmittags 18 l Zuckermaische angesetzt.

22.3.194

F.z.S. In unserer Leitung herrscht Erdschluß.

23.3.1946

Sonnabends haben wir erst um 13 Uhr Schule. Die Wartezeit in Köthen ist
immer scheußlich. Nach der Schule ins Kino gegangen. "Arzt aus Leidenschaft".

24.3.1946

Am Nachmittag bei Schneevoigts gewesen.

25.3.1946

F.z.S. Nachmittags unsere Telefonleitung zu einem Drittel neu gelegt. Aber
den Erdschluß haben wir doch noch nicht entdeckt.

26.3.1946

F.z.S. Gegen Abend den Erdschluß beseitigt.

27.3.1946

F.z.S. Heute Morgen war dicker Nebel und unsere Leine hatte wieder den
schönsten Erdschluß. Am Abend haben wir sie endgültig von einem Drahtzaun
weggenommen. Hoffentlich ist nun bald mal wieder Ruhe.

28.3.1946

F.z.S. Ein neues Unglück für unsere Verbindung. Ein Besitzer, durch dessen
Garten wir unbedingt müssen, macht Krach und hat unseren Draht einfach
abgeschnitten. Er denkt jetzt habe ich den Draht und die können nicht mehr legen.
Weit gefehlt mein Lieber. Am Abend neu gelegt. Mit Draht wegnehmen kriegst
du uns nicht matt.

29.3.1946

F.z.S. Unser Freund hat wieder Draht gebraucht. Er hat auch noch einen anderen
Besitzer mit aufgewiegelt und nun streiken schon zwei. Das Mittelstück
unserer Leitung ist hin. Das schlimmste ist aber, daß jetzt überall im Garten
gearbeitet wird und daß wir nur im Dunkeln unter größten Schwierigkeiten
neu legen können.Herbert soll mit an unser Netz angeschlossen werden. Von
halb acht bis halb zehn war unsere Leitung fertig.

30.3.1946

Früh Herberts Telefonnschluß fertig gemacht. Mittag mit dem Rade zur Schule
gefahren. Um 21 Uhr mit Herbert die Verbindung mit Fritz zum Teil wieder
hergestellt. Ach wenn nur die Bäume erst wieder grün wären. Dann wird unsere
Leitung wenigstens nicht gesehen, Abends Sprit destilliert bis 9 Uhr früh.

31.3.1946

Bis Mittag geschlafen. Nachmittags mit Inge an der Elbe spazieren gegangen.