1.4.1946

Nicht zur Schule gefahren. Chemische Experimente gemacht.

2.4.1946

F.z.S. Abends an Fritz's Leitung etwas gemacht. Langsam aber sicher wirs
schon wieder werden.

3.4.1946

F.z.S Herberts Leitung ist über der Staße gerissen.

4.4.1946

F.z.S. Ich habe starke Kopfschmerzen. Gegen Abend ins Bett gelegt. Hoffentlich
nicht für längere Zeit.

5.4.1946

Nicht zur Schule. Kopfschmerzen habe ich in rauhen Mengen. Keine Tablette
hilft. Nachmittags mit Herbert erzählt.

6.4.1946

Nicht zur Schule. Ich fühle mich manchmal ganz wohl, und dann wird mir
plötzlich beim Aufstehen ganz schlecht. Heute habe ich die Grundzüge des
Schachspieles kennen gelernt. Abends neue Verbindung zu Herbert
aufgenommen. Der Laden klappt wieder. Ich baue mir dann eine kleine
Schalttafel zu Fritz's Leitung.

7.4.1946

Nachmittags mit Herbert bei uns Schach gespielt. Abends war die ATCO
zusammengetreten und hat eine Debatte abgehalten. Das heißt
Akener-Telefon-Comp. Gerhard, Fritz, ich und Herbert. Thema:
1. Herstellung der Verbindung zu Fritz und
2. Wie kommen unsere Leitungen über den Sommer?
Es wurde beschlossen, daß noch in dieser Woche die Verbindung
hergestellt werden soll. Das zweite Problem wurde vertagt.

8.4.1946

Früh beim Doktor gewesen. Ich hätte die Grippe und hohes Fieber
behauptet dieser Idiot ohne mich überhaupt zu untersuchen.

9.4.1946

Meine Kopfschmerzen sind jetzt fast ganz weg. Nur bin ich Mittags
immer sehr müde.

10.4.1946

Nachmittags bei Fritz und Herbert gewesen.

11.4.1946

Die Demontage geht lustig weiter. Zuckerfabriken, Kraftwerke; kurzweg
alles was für uns lebensnotwendig ist. Heute Nachmittag wurden die
Luftschutz-Splittergräben auf dem Bahnhof und in der Roonstraße gesprengt.
Vor allen Dingen in der Roonstraße, bei den Erzkommunisten, sind eine Menge
Fensterscheiben zu Bruch gegangen.

12.4.1946

Die über 16-jährigen Schüler aus meiner Klasse sind ebenfalls bei der
Demontage eingesetzt. Sie müssen die elektrischen Oberleitungen der
Magdeburg-Hallenser Strecke abbauen. Die Eisenmasten werden einfach über
dem Erdboden abgeschweißt. Totaler Blödsinn.

13.4.1946

Nachmittags im Garten gearbeitet. Abends Fritz's Leitung instand gesetzt.

14.4.1946

Vormittags mit Gerhard an der Elbe gewesen.

15.4.1946

Früh nach Köthen gefahren. Allerhand fürs Labor eingekauft. Die
Litfaßsäulen strotzen mal wieder von Plakaten. Es wird jetzt überall große
Propaganda gemacht mit der Vereinigung von KPD und S.P.D. zur S.E.P.
(Sozialistische Einheitspartei). In den Besatzungszonen der
Westmächte sind verschiedene Rechtsparteien zugelassen. Die
Proletenzeitungen schreien jetzt: "Die Reaktion bereitet sich zum
Gegenstoß vor. Kampfansage an die Reaktion." Ein Plakat heißt
wörtlich: "1918 begann die Reaktion mit der Garde-Kavallerie-
Schützen-Division, mit der Orgesch in Bayern, mit den Freikorps usw.
Das Ende war Hitlers Krieg und der Faschismus. - 1946 beginnt das alte
Spiel von vorn mit der Königspartei in Bayern, mit dem Treiben der
Großkapitalisten in Berlin usw. Laßt die Reaktion nicht aufkommen.
Nur in der Einheit liegt unsere Stärke. KPD und SPD vereinigt euch
schnell zur SEP, der mächtige Einheitspartei und dem Garanten des
Friedens." In Wirklichkeit ist das alles nur ein Verzweiflungsschrei
der großmäuligen Kommunisten die, nach noch nicht einmal einem Jahr
Regierung, bereits ihren Thron von vielen Seiten bedroht sehen.
Verschieden Groß-Antifaschisten haben bereits dran glauben müssen. Der
Geist eines Schlageter steht wieder auf. Auch der Wehrwolf ruht nicht.
Wenn auch die Zeitungen nur ab und zu ein Wort über diese oder jene
Untergrundbewegung verlauten lassen, so liegt es doch klar auf der
Hand, daß der "verfluchte Nazismus und Militarismus", wie es immer so
schön heißt, noch nicht ins Grab gestiegen sind und auch nicht
hineinsteigen wird, solange noch anständige Deutsche auf der Welt
leben. Dann wird auch immer vom Wiederaufbau gefaselt und dabei gibt
es nicht einen Nagel zu kaufen.

16.4.1946

Mutti muß zur I.G. Ein schöner Geburtstag. Sie hat auch immer Pech.
Voriges Jahr saß sie im Keller, heute muß sie arbeiten und wer weiß,
was nächstes Jahr ist.

17.4.1946

Früh nach Köthen gefahren. Heute gab es Osterferien. Nachmittags bei
Hädickes eine Klingelanlage zu bauen begonnen.

18.4.1946

Heute vor einem Jahr! Von diesem Tage an hat für uns die Freiheit
aufgehört zu existieren. Man wagt kaum noch den Mund aufzumachen. Aber
so Gott und die Gerechtigkeit will, es wird noch einmal anders kommen.
Und dann: Auge um Auge, Zahn um Zahn! Herr Stalin und Shukow, Herr Pieck und
die anderen Proletenlümmel!! Wenn man die Berichte aus Nürnberg hört,
könnte man vergehen vor Wut über das, was man unseren Führern dort bietet.
Nicht einmal vor den Toten, wie Himmler und Ley, machen diese Bestien von
Richtern halt. Eine Schande wie sie die Welt noch nicht gesehen hat.

19.4.1946
Karfreitag

Da Mutti arbeiten geht, muß ich sauber machen. Nachmittags experimentiert.

20.4.1946

Früh nach Köthen gefahren. Chemikalien vorbestellt. Heute, am 54.
Geburtstag unseres Führers habe ich ihm zum zweiten Mal Treue und
Gehorsam gelobt und geschworen, nicht nachzulassen im Kampf gegen alle
äußeren und inneren Feinde seiner Partei.

21.4.1946
Ostersonntag

Nachmittags mit Fritz, Herbert und Eberhard ins Kino gegangen. "Träumerei."

22.4.1946
Ostermontag

In dem Käseblatt der SEP prangt die große Überschrift
== Friedensostern 1946 ==. Die Hände müßte man diesen Schmierfinken
abhacken.

23.4.1946

Nachmittags in Köthen die Chemikalien gekauft. Die polnische
Marionettenregierung hat auf der UNO den Antrag gestellt, die Franco-Frage
zu überprüfen. England, Amerika, Brasilien, Holland und Belgien halten die
Sache für belanglos und das Franco-Regime für neutral, während Rußland und
seine Trabanten Polen, Rumänien, Bulgarien und Jugoslawien die Regierung
für gemeingefährlich erklären. Die Zeitungen der "freien Presse" in der
russischen Besatzungszone trompeten natürlich in das Horn Moskaus.

24.4.1946

Die Chemikalien eingeräumt.

25.4.1946

Heute fängt unsere Schule wieder an. Mit Freiübungen für den 1. Mai. Ich habe
mich natürlich gedrückt. Morgen ist derselbe Quatsch nochmal. Da ich heute
meine zweite Typhusspritze bekomme, habe ich morgen eine feine Ausrede.

26.4.1946

Nicht zur Schule gefahren, Ihre blödsinnigen Übungen können sie allein machen.


27.4.1946

F.z.S. Abends bei Schneevoigts gewesen.

28.4.1946

Zaunpfähle aus dem Garten geschleppt.

29.4.1946

Früh nach Köthen gefahren. Einer meiner Klassenkameraden baut mir
einen Radioapparat.

30.4.1946

Früh nach Köthen gefahren. Die Proletenwelt schmückt sich zum morgigen 1.Mai.
Die Russen bepflastern ihre Häuser natürlich auch wieder Glühbirnen und
Sternen. Nachmittags habe ich mir eine anständige Hochantenne gebaut.
Abends mußten alle Schulkinde zu einem "Fackelzug" antreten. Ein wahrhaft
"phantastischer" Anblick. Kultivierter Irrsinn.