1.12.1947
F.z.S. Abends zur Kurzschriftstunde gegangen. Fiel aber aus. Mit
Erna nach Haus gebummelt.
2.12.1947
Früh nach Köthen gefahren. Keine Schule. Nach Hause gelaufen. Mittags
Erna von der Schule abgeholt. Abends ins Theater gegangen.
"Der Kreidekreis."
3.12.1947
F.z.S. Die SED-Presse hat ja nun wieder zu schreiben. Der Streik in
Frankreich, die Londone Konferenz und vor allen Dingen ihr "Volkskongreß".
Aus dem Westen nur rote Delegationen.
4.12.1947
Früh nach Köthen gefahren. Zurück gelaufen. Latein verleidet mit
alles. Es ist zum Verzweifeln. Mal versuchen, ob ich nicht doch
in den Ferien mich dahinter setze. Das ist ja so trocken. Die Geißel
der Primaner!
5.12.1947
F.z.S. Abends zur Buchführung. Anschließend Erna nach Hause gebracht.
6.12.1947
F.z.S. Auch die Mathematik-Arbeit ist nicht zu meiner Befriedigung
ausgefallen. Mist verfluchter. Und nun das verwirrendste des heutigen
Tages: Inge hat sich auf unsere alte Liebe besonnen. Ich war platt.
Ein bezauberndes Wiedersehen gefeiert. Aber nun vorbei. Wenn ich
jetzt an Erna denke, könnte ich mich ohrfeigen. Sie so zu hintergehen.
Erst jetzt kommt mir so richtig zu Bewußtsein, was ich an ihr besitze.
Der Volkskongreß tritt heute zusammen. Wilhelm Pieck, der alte
Schmarotzer, hält die Eröffnungsrede.
7.12.1947
12 Deligierte sollen nach London fahren. Davon sind 12 aus der
Ostzone und die zwei aus dem Westen sind rot. Das ist dann eine
deutsche Delegation! Denkste Pieck! Noch bist du nicht
Ministerpräsident und du wirst es auch nicht werden, wenn du
zehnmal nach London fährst. Nachmittags mit Erna zum Tanz gegangen.
Anschließend ins Kino: "Eine Frau für 3 Tage." Mit Erna nach
Hause gebummelt.
8.12.1947
F.z.S. Abends zur Kurzschriftstunde. Erna nach Hause gebracht. Heute
war es direkt unheimlich. Stockfinster, dazu eine Schleierente mit
ihrem juhuuuu. Ich werde mir doch einen spitzen Gegenstand oder
Schlagring zulegen. Die Zeit ist zu unsicher, allein über unbebautes
Gelände zu gehen. In London sind sich Marshall und Molotow ganz
gewaltig in die Haare geraten. Die übelsten Verleumdungen haben sie
sich gegenseitig vorgeworfen. "Der Streik in Frankreich ist ihr Werk,
Herr Molotow!" "Sie Schurke lügen!" usw. Ich glaube der Ausgang hat
schwerwiegende Folgen. Für die Westzonen ist neues Geld gedruckt, das
in Umlauf kommt, wenn die wirtschaftliche Einheit nicht zustande
kommt. Hergott, wenn nur die Grenzen vor Ende 48 geöffnet bleiben,
denn wenn wir hier abgehängt werden, ist für mich Feierabend, meine
ganzen Pläne und Hoffnungen. Oh armes Deutschland. Man muß vor
früheren Feinden bei früheren Feinden Schutz suchen. Oh Fügung,
gäbest du uns noch einmal die Möglichkeit zur Erhebung, um diesen
Blutsaugern, ob in Ost oder West, heimzuzahlen. Nicht ein zweites Mal
würden wir aufhören. Wir haben es oft nicht geglaubt, was uns der
Führer prophezeite, wenn wir die Waffen niederlegten. Aber der
Durchschnittsdeutsche hatte Adolf Hitler nicht verstanden. Wohlfahrt,
Volkswagen und KdF-Reisen ließ er sich gefallen, aber als es galt,
diese Segnungen zu verteidigen, da war es aus. Ich meine hier nicht
unsere ruhmreiche Wehrmacht, sondern die Spießer und Miesmacher.
Aber auch ihnen sind die Augen aufgegangen, als die Speckpakete
ausblieben und der Hunger größer wie im Kriege wurde. Gebt uns
Adolf Hitler, ihr Herren in London zurück, zurück und die Einheit
Deutschlands ist da, die ruch soviel Kopfzerbrechen bereitet und die
ihr nie zustande bringt. Wie ein Block würde das deutsche Volk stehen.
Die paar Außenseiter würde die Volkswut in wenigen Stunden gelyncht und
mit ihren schmierigen Kupplerleibern die Bäume geschmückt haben.
9.12.1947
F.z.S. Ein mieses, naßkaltes Wetter. Wie die Zeit auch ist.
Heute ein Erfolg: Chemiearbeit geschrieben.
10.12.1947
F.z.S. Schularbeiten gemacht.
11.12.1947
Früh nach Köthen gefahren. Wenn es nur bald Ferien gäbe.
12.12.1947
Heute wird Mus gekocht. Es herrscht dicke Luft. Abends mit Erna zur
Buchführung. Anschließend nach Haus gebummelt. Ein ekelhaftes Wetter
heute.
13.12.1947
Gegen Abend hat es aufgeklart. Vielleicht gibt es Schnee. Abends mit
Onkel Fritz Kneipen gewesen. Anschließend Schularbeiten gemacht.
14.12.1947
Vormittags bei Onkel Fritz Schnaps gemixt. Dafür schickt er Heringe.
Gegen Abend mit Erna nach Hause gebummelt. Vorher im Kino gewesen.
"Hauptsache glücklich".
15.12.1947
F.z.S. Gegen Abend bei Onkel Fritz gewesen. Er fährt morgen wieder nach
Hamburg. Seit Mittag schneit es was vom Himmel herunter kann. Aber dem
Boden fehlt der Frost. Es wird nicht lange liegen bleiben. Abends mit
Erna zur Kurzschrift. Anschließend wie die kleinen Kinde im Schnee
herumgetollt. Die Natur sieht wie ein Märchenland aus. Und das dann zu
zweit genießen können: Kommentar überflüssig. Und nun kommt die
Weihnachtszeit. Ferien. Natürlich wird schwer gebüffelt. Aber trotzdem,
ein schöneres Fest kann ich mir kaum vorstellen als mit Erna. Am
Sonnabend ist von der LDP Wintervergnügen, dann Weihnachten, Sylvester
und Neujahr, Volkshochschulfest im Januar, eine Reihe von Vergnügen.
Wahrscheinlich die letzten bis zum Abitur. Aber nebenbei wird gelernt.
Ich habe mir ein Ferienprogramm von 150 Stunden vorgenommen, das eisern
durchgehalten wird.
16.12.1947
Die Londoner Konferenz ist aufgeflogen. Molotow ist kurzerhand
abgeflogen. Das kann für uns schlecht abgehen. Die anderen drei wollen
mit den Parteiführern und Ministerpräsidenten der Westzonen weiter
verhandeln. Da haben wir den Salat. Und wir sitzen in der Tinte drin.
17.12.1947
Molotow ist natürlich der Unschuldsengel. Die anderen waren von Anfang
an darauf bedacht, die Konferenz auffliegen zu lassen nur er ist für die
Einheit Deutschlands. So hört man es im östlichen Rundfunk schallen.
Aber wie es in den Wald reinschallt, so schallt es wieder heraus: Molotow
will aus Bizonien, so ist der Name für die Westzonen, noch für 10
Milliarden (!) Reparationen haben. Da hat Marshall kategorisch nein
gesagt. Daraufhin ist Herr Molotov sang- und klanglos abgereist mit den
heuchlerischen Worten: Hoffentlich können wir die Beratungen bald wieder
aufnehmen. Pieck und sein Kumpel haben an die Parteiführer und
Ministerpräsidenten im Westen depeschiert, sie sollen nicht mit den
Außenministern verhandeln; Deuischlands Einheit sei gefährdet. Als ob
die zwei Russenknechte was zu sagen hätten.
Die Temperaturen liegen um Null Grad. Naßkalt.
18.12.1947
Früh nach Köthen gefahren. Im "Weißen Roß" trifft sich regelmäßig eine
Schüöer- und Schülerinnenschar. Dort wird dann allerlei Unsinn verzapft
und Bekanntschaften angebändelt. Nachmittags sind wir ins Kino gegangen:
"Liebe siegt." Ein russischer Farbfilm, der sehr gut war. Gegen Abend
sank die Temperatur auf -7°C, stieg aber in den Nachtstunden wieder auf
-3°C an.
19.12.1947
Früh mach Köthen. Gegen 11 Uhr fing es wieder an zu schneien. Aber wie.
Im "Weißen Roß" mit den Mädels eingeschneit. Heute gab es nun endlich Ferien.
Man hat es auch an unserer Stimmung gemerkt. Um 8:15 Uhr waren wir
"schon" zu Hause. Es hat ganz schön mit dem Schnee geschafft.
20.12.1947
Früh in der Stadt gewesen und Erna von de Schule abgeholt. Um sie muß ich
mich nach den Sünden der letzten Tage mit Annelore in Köthen auch wieder
kümmern. Liegt sie mir doch schließlich am nächsten. Abends mit ihr zum
Weihnachtsvergnügen der LDP gegangen. Bis um 2 Uhr getobt. Ein paar
herrliche Stunden in gemütlicher Runde verbracht. Anschließend Erna
nach Hause begleitet. Wie lieb ich das Mädel habe, kann man überhaupt
nicht mit Worten ausdrücken. Es fängt an zu tauen.
21.12.1947
Vormittags rumgedöst. Eine durchwachte Nacht ist gar nicht so leicht
zu nehmen. Nachmittags mit Erna im Be-Ho zum Tanz gewesen. Anschließend
ins Kino: "Die kluge Marianne". Ein Wetter zum junge Hunde kriegen.
Regen auf Schneematsch. Erna nach Hause gebracht. Heute Morgen war es
weitaus besser als abends. Ein Regn, der kaum Zeit zum Gutenachtkuß
läßt.
22.12.1947
Schularbeiten gemacht. Abends mit Erna zur Buchführungund Kurzschrift.
Abends nach Hause gebummelt.
23.12.1947
Schularbeiten gemacht. Nachmittags mit Tante Lieschen Weihnachtsbäume
geschlagen.
24.12.1947
Gepaukt. Lichte gegossen. Die dritte "Friedensweihnachten". Ein wahrer Hohn.
Es wird von Jahr zu Jahr trauriger. Hoffentlich habe ich nächste
Weihnachten mein Ziel erreicht.
25.12.1947
1. Weihnachtstag
Vormittags bei Schneevoigts gewesen. Nachmittags mit Erna im Schützenhaus
gewesen. Herbert hatte Feuerwasser mit. Sind so richtig in Stimmung
gewesen. Anschließend ins Kino gegangen. "Leichtes Blut." Abends im
Be-Ho zum Tanz gewesen. Erna ist zum Geburtstag. Da habe ich mir eben
Ursel für einen Abend geschnappt. War ganz nett. Mit Erna wär's schöner
gewesen.
26.12.1947
2. Weihnachtstag
Vormittags Weihnachtsbesuche bei Hädickes und Tante Lieschen abgestattet.
Nachmittags mit Erna im Be-Ho zum Tanz gewesen. Abends it Erna, Christa
und Heinz im Be-Ho gewesen. Eine Flasche Likör hat für uns vier die nötige
Stimmung geliefert. Es war herrlich. Anschließend Erna nach Hause gebracht.
Waren alle beide etwas angeheitert und haben eine geschlagene Stunde
gebraucht um uns zu trennen.
27.12.1947
Schularbeiten gemacht. Das Soll schon um 80% überschritten.
28.12.1947
Nachmittags mit Erna im Be-Ho gewesen. Anschließend nach Hause gebummelt.
Am politischen Horizont ziehen schwere Wolken auf. In Griechenland haben
die "kommunistischen Banden des General Markos" (auf Radio Hamburg) oder
auch "die demokrsatische Freiheitsarmee" (auf Radio Berlin) eine Regierung
als Gegenpol zur Athener Regierung gebildet. Die Banden sind am 1.
Weihnachtstag zur Offensive angetreten. Das sie mit den Sowjets arbeiten
steht außer Zweifel. Alle kommunistischen Elemente sind im Gebiet der
Regierungstruppen verhaftet. Amerika hat schnellere militärische Hilfe
zugesagt. Geht es nun los??? Sind das die Folgen der Abreise Molotows?
Auch in China ist die "demokratische Freiheitsarmee" plötzlich sehr
aktiv geworden.
29.12.1947
Schularbeiten gemacht. In der Stadt gewesen. Um 18:30 Uhr zum Steno. Es
scheint kalt zu werden. Wird auch Zeit. Will auch noch mal in den Ferien
Schlittschuhlaufen.
30.12.1947
Schularbeiten gemacht.
31.12.1947
Vormittags Sprit gefiltert und zugerichtet. Nachmittags mit Heinz im
Kino gewesen. "Die Feuerzangenbowle." Abends im Be-Ho Sylvester
gefeiert. Angeheitert wie es sich gehört, aber nicht betrunken. Zur
Jahreswende, als das Volk lärmte und sich ein "frohes", neues Jahr
wünschte, mit Herbert, Gerhard, Hans-Jürgen und Ursel über Deutschlands
Unglück eine Stunde nachgedacht. Im Grunde genommen hätten wir heute nicht
zum Trubel gehen dürfen. Aber sollen wir unsere Jugend auch noch opfern,
wegen dieser blöden Zeit? Wer weiß wie lange es noch geht. Schwarz liegt
das neue Jahr vor uns. Wann kommt der Blitz? Das waren die Gedanken die
uns ergriffen. Wird unser Vaterland wieder hochkommen. Man könnte fast
verzweifeln. Aber es gibt noch viele, die den Glauben an Deutschland noch
nicht verloren haben. Hoffentlich setzt sich diese Schicht eines Tages über
diese Proletenwelt hinweg.
Bis drei Uhr weitergefeiert. Anschließend Ursel nach Hausu gebracht. Um
halb fünf im neuen Jahr zu Haus gewesen.
Prost Neujahr!
Möge mir das neue Jahr den Erfolg bringen, den ich so sehsüchtig erwarte,
um endlich ein Patent in der Tasche zu haben, das es mir ermöglicht, in
anderen Zonen weiterzuleben.